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28.08.2026

KI-basierte Prozessüberwachung für das Flachstricken

Gestricke & Gewirke Textilmaschinenbau Sensorik Tests

Zusammenfassung

Am ITM und IDMT erfolgte im IGF-Projekt 01IF22931N (Entwicklung eines KI-gestützten Inline-Qualitätssicherungssystems zur Optimierung hochflexibler Stricktechnologien (OptiStrick)) die Entwicklung eines modularen, nachrüstbaren, echtzeitfähigen, KI-basierten Monitoring-Systems für die Produktion an Flachstrickmaschinen.

Die Sicherstellung einer konstant hohen Produktqualität bei gleichzeitiger Reduktion von Ausschuss zählt zu den zentralen Herausforderungen der Flachstrickerei. Aufgrund der hohen Produktvielfalt und der komplexen Nadel-Garn-Interaktionen existiert bislang kein kosteneffizientes, etabliertes Inline-Überwachungssystem zur Qualitätssicherung. Im Rahmen des IGF-Vorhabens OptiStrick wurde ein KI-gestütztes Inline-Qualitätssicherungssystem entwickelt, das akustische, vibroakustische, tensometrische und optische Sensorik mit Verfahren des maschinellen Lernens verbindet. Auf Grundlage einer statistischen Versuchsplanung wurden multimodale Datensätze aus drei Messkampagnen (Labor- und Produktionsumfeld) erhoben und mit neuronalen Netzen ausgewertet. Akustische und vibroakustische Sensoren erreichten sowohl bei der Klassifikation von Prozessparametern als auch von Einzelnadelfehlern durchgehend hohe Genauigkeiten (> 90 %) und zeigten die höchste Robustheit gegenüber wechselnden Aufnahmebedingungen. Tensometrische Signale eigneten sich unter kontrollierten Bedingungen gut zur Detektion impulsartiger Fehler, verloren jedoch bei veränderter Sensoranbringung deutlich an Leistungsfähigkeit. Der entwickelte Demonstrator wies eine mittlere Genauigkeit für die Parameterklassifikation von etwa 80 % auf und belegte die grundsätzliche Inlinefähigkeit des Ansatzes. Das System ist modular nachrüstbar, wirtschaftlich attraktiv und auf weitere textile Prozesse übertragbar.

Bericht

Einleitung

Der Flachstrickprozess zeichnet sich durch eine hohe gestalterische Flexibilität aus, ist jedoch aufgrund der komplexen Interaktion einer Vielzahl von Wirkelementen fehleranfällig. Defekte an Nadeln, etwa verbogene Nadelköpfe, abgebrochene Nadelzungen oder -köpfe, sowie zunehmende Verschmutzung durch Faserstaub führen zu Fehlmaschen, Fallmaschen und letztlich zu Ausschuss. Da sich Fehlerbilder in der nachträglichen Warenschau zwar zuverlässig, aber erst zeitversetzt identifizieren lassen, entsteht bis zur Entdeckung eines Defekts fehlerhafte Ware. Eine frühzeitige, bedienerunabhängige Erkennung direkt an der Strickstelle bietet daher erhebliches wirtschaftliches Potenzial.

Inline-Qualitätssicherungssysteme haben sich in der industriellen Fertigung als wirksames Mittel zur Reduktion von Ausschuss und zur Prozessoptimierung etabliert. In der Textilindustrie dominieren dabei kamerabasierte Ansätze (1) zur automatisierten Fehlererkennung, deren Leistungsfähigkeit in den vergangenen Jahren durch den Einsatz von Deep-Learning-Methoden (2–5) erheblich gesteigert werden konnte. Insbesondere convolutional neural networks (CNN) (6) haben sich für die Detektion textiler Flächenfehler als leistungsfähig erwiesen. Gleichwohl sind solche optischen Systeme mit hohen Anschaffungskosten und einem erheblichen Bedarf an Rechenleistung verbunden, was ihre Verbreitung insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hemmt. Einsatz Künstlicher Intelligenz gilt branchenübergreifend als Schlüsseltechnologie zur Digitalisierung von Wertschöpfungsketten (7, 8), wobei die betriebliche Umsetzung von KI-Projekten in der Praxis häufig an Fragen der Robustheit, der Datenverfügbarkeit und der Integrierbarkeit scheitert. Für die Qualitätssicherung erschließen datengetriebene Verfahren zunehmend auch nicht-optische Sensormodalitäten. Das Potenzial akustischer und vibroakustischer Sensorik (9–11) zur Überwachung textiler Prozesse wurde bislang jedoch nur unzureichend systematisch untersucht, obwohl gerade diese Modalitäten eine kostengünstige und nachrüstbare Alternative zur Bildverarbeitung darstellen könnten.

An dieser Stelle setzt das Vorhaben OptiStrick an. Ziel war die Entwicklung eines KI-gestützten Inline-Qualitätssicherungssystems, das qualitätsrelevante Zustände im laufenden Strickprozess erkennt und dabei den Anforderungen von KMU an Wirtschaftlichkeit, Nachrüstbarkeit und Übertragbarkeit gerecht wird (12). Der Fokus lag dabei bewusst nicht auf der nachgelagerten Warenschau, sondern auf der Strickstelle selbst, da hier der überwiegende Teil der Fehler entsteht. Neben der reinen Fehlerdetektion wurde, abweichend vom ursprünglichen Antrag und auf Wunsch der beteiligten Industriepartner, ein Schwerpunkt auf die Erkennung von Verschleiß- und Versagenszuständen im Sinne einer vorausschauenden Wartung gelegt.

Methoden

Die Entwicklung des OptiStrick-Systems folgte einem iterativen, hypothesengeleiteten Vorgehen, das sich an den Prinzipien der ingenieur-wissenschaftlichen Systementwicklung orientierte und in enger Abstimmung mit einem projektbegleitenden Ausschuss (PA) aus Industriepartnern durchgeführt wurde. Der methodische Ablauf lässt sich in fünf aufeinander aufbauende Phasen gliedern: Anforderungsanalyse, Versuchsplanung, Messsystementwicklung, Datenerhebung sowie Algorithmenentwicklung und Systemintegration.

Anforderungsanalyse und Versuchsplanung

Ausgangspunkt bildete eine strukturierte Anforderungserhebung mittels einer Befragung des technischen Personals der beteiligten Unternehmen. Ziel war die Identifikation praxisrelevanter Fehlerbilder, Qualitätsmerkmale und Prozessparameter. Als Untersuchungsgegenstand wurde eine Flachstrick-maschine des Typs Stoll ADF (Abbildung 1) (KARL MAYER Holding SE & Co. KG, Deutschland) mit einer Nadelfeinheit von E7 festgelegt; als Prüfmaterial diente vorrangig Polyester aufgrund seiner weiten industriellen Verbreitung und geringen Flusenneigung. Um die Komplexität beherrschbar zu halten, wurde das Musterprodukt auf ein uniformes, rechteckiges Endlosgestrick mit einheitlicher Bindung beschränkt. Als zentrale, im laufenden Prozess veränderliche Parameter wurden die Kuliertiefe (Nadelsenkerposition) und die Strickgeschwindigkeit bestimmt.

Auf dieser Grundlage wurden nach den Regeln der statistischen Versuchsplanung zwei komplementäre Versuchspläne abgeleitet: Versuchsplan A (Parameter-studie) variierte die beiden Prozessparameter in jeweils drei Stufen, während Versuchsplan B (Fehlersimulation) das gezielte Nicht-Austreiben einzelner und paarweiser Nadeln an drei definierten Positionen innerhalb des Nadelbetts (linker, mittlerer und rechter Bereich) zur Simulation von Nadelfehlern vorsah. Ergänzend wurden in Kooperation mit dem Industriepartner Groz-Beckert KG Versuchspläne zur Untersuchung realer Nadelschäden, wie verbogene Nadelköpfe, abgebrochene Nadelzungen und ‑köpfe, erstellt. Dieses versuchsplanerische Vorgehen gewährleistete eine reproduzierbare, klar strukturierte und statistisch auswertbare Datengrundlage.

Entwicklung der Messsysteme

Parallel wurden vier Sensormodalitäten konzipiert und experimentell erprobt. Ein zentrales methodisches Prinzip war dabei die synchrone, multimodale Datenerfassung: Sämtliche Sensorsignale wurden über ein zentrales Datenerfassungssystem (Sirius®, DeweSOFT Deutschland GmbH) zeitsynchron aufgezeichnet, um eine konsistente zeitliche Zuordnung und spätere Sensorfusion zu ermöglichen. Zur Unterstützung der Datenannotation wurde ein Triggersystem aus zwei Kurzdistanz-Lichtschranken implementiert (Abbildung 2), dass die Interaktion des Strickschlittens mit den Nadeln von der Umkehrfahrt eindeutig abgrenzte und zugleich die Bestimmung der Fahrtrichtung erlaubte.

Charakteristisch für den Entwicklungsprozess war die iterative Reduktion auf die wirtschaftlich und technisch sinnvollsten Komponenten. Nicht zielführende Ansätze wurden frühzeitig identifiziert und in Abstimmung mit dem PA verworfen:

  • Akustische/vibroakustische Sensorik

Es wurden mehrere Mikrofone (MMS212, Microtech Gefell GmbH, Deutschland; M30, Earthworks Inc., USA) sowie ein Richtmikrofon (SE8, sE Electronics International Inc., USA) an der Flachstrickmaschine montiert und zudem die bereits in der Maschine verbauten Piezo-/Körperschall-sensoren betrachtet.

  • Tensometrische Messtechnik

Für die tensometrische Messtechnik wurden zwei Positionen (beweglich am Fadenführer, stationär unterhalb des Fournisseurs) sowie zwei Systeme evaluiert: ein dedizierter 3-Rollen-Fadenzugkraftsensor (M120/SA310, Tensometric Messtechnik GmbH, Deutschland) und ein herstellerseitig modifizierter Fournisseur (EFS 920, Memminger-IRO GmbH, Deutschland).

  • Optische Messtechnik

Es wurde eine Hochgeschwindigkeitskamera (DS-CAM 1100m, DEWESoft Deutschland GmbH) inklusiver einer LED-Hochleistungsbeleuchtung auf dem Strickschlitten montiert. Auf Basis des Nyquist-Shannon-Abtasttheorems und einer Nadelpassrate von 276 Nadeln/s wurde eine erforderliche Bildrate von mindestens 552 fps errechnet.

Datenerhebung

Die Datenbasis wurde in drei Messkampagnen erhoben: zwei unter kontrollierten Laborbedingungen (R1, R2) und eine im produktionsnahen Umfeld beim Partner Groz-Beckert KG (R3), in der auch reale Schadensereignisse an Nadeln aufgezeichnet werden konnten. Insgesamt wurden über alle Messkampagnen hinweg mehr als 8 Stunden Aufnahmematerial erfasst (Tabelle 1), wobei die einzelnen Aufnahmen 60 s umfassten. Die kontinuierlichen Signale wurden auf Basis einzelner Schlittenbewegungen, abgegrenzt durch die Lichtschrankensignale, in Segmente unterteilt und anhand der Prozessparameter mit Labels versehen.

Signalverarbeitung, Modellbildung und Validierung

Die akustischen und vibroakustischen Signale wurden auf eine einheitliche Abtastrate von 32 kHz resampelt und anschließend in Mel-Spektrogramme überführt (128 Frequenzbänder, 64-ms-Fenster, 32-ms-Schrittweite). Für die spektrogrammbasierten Modalitäten kamen 2D CNNs zum Einsatz, während die Fadenzugkraftdaten mittels zeitreihen-basierter Modelle ausgewertet wurden. Im Verlauf der iterativen Algorithmenentwicklung wurden verschiedene Verfahren (DNN, CNN, SVM, XGBoost) trainiert und für unterschiedliche Klassifikationsaufgaben anhand von Sensitivität, Spezifität und AUC bewertet.

Ein methodisch zentraler Aspekt war die realitätsnahe Validierung. Um zu vermeiden, dass die statistische Abhängigkeit von Segmenten derselben Aufnahme die Ergebnisse verzerrt, wurde vorrangig eine aufnahmebasierte Kreuzvalidierung (GroupKFold) eingesetzt, bei der alle Segmente einer Aufnahme geschlossen in derselben Bewertungsgruppe verbleiben. Darüber hinaus wurde gezielt die Domänenverschiebung zwischen Messkampagnen untersucht, indem Modelle auf einer Kampagne trainiert und auf einer anderen getestet wurden. Aufbauend darauf wurden verschiedene Strategien der multimodalen Datenfusion untersucht, um die Robustheit gegenüber veränderten Aufnahmebedingungen zu erhöhen. Hierbei wurden sowohl eine entscheidungsbasierte Late Fusion als auch eine merkmalsbasierte Feature Fusion evaluiert.

Ergebnisse

Selektion des Messsystems

Bei der Untersuchung des akustischen/vibroakustischen Messsystems zeigt sich, dass das gerichtete SE8 auch bei starkem Störschall (Lüftung, benachbarte Textilmaschinen) konsistent gute Signale lieferte (Abbildung 3). Weitere Mikrofone im Innenraum der Maschine darüber hinaus boten dagegen keinen weiteren Mehrwert. Da die integrierten Piezo-Schocksensoren eine hohe Sensitivität gegenüber prozessrelevanten Ereignissen zeigten und zusätzliche Mikrofone keinen wesentlichen Informationsgewinn lieferten, wurde das Messsystem auf ein Richtmikrofon und die bereits vorhandenen Schocksensoren reduziert.

Unter den untersuchten tensometrischen Sensoren erwies sich das dedizierte System dem modifizierten Fournisseur als überlegen. Es lieferte die höhere Signalauflösung, in der einzelne Maschenabschläge und simulierte Nadelfehler unmittelbar erkennbar waren. Dennoch waren gröbere Trends auch in den Messungen des Fournisseurs erkennbar, sodass bei einer vorhandenen CAN-Schnittstelle die Daten gut ergänzt werden können. Als geeignete Position wurde letztlich die statische Position am Gestell oberhalb der Strickstelle evaluiert (Abbildung 4). Eine potentielle Montage am Fadenführer erwies sich als komplexe und nicht kosteneffizient.

Das optische System (Abbildung 5) wurde letztlich nicht in das Gesamtsystem integriert. In der Erprobung erwies es sich aufgrund von Abschattungen durch Wirkelemente, unzureichende Ausleuchtung und einer real erreichbaren Bildrate von nur 400 fps als unzureichend. Die notwendige Demontage der Nadelbürste bedeutete extreme Einschränkungen für die Produktgestaltung und war damit nicht praxistauglich. Der hohe Rechenaufwand für die Aufzeichnung und Auswertung der Bilddaten wurde ebenfalls negativ bewertet, speziell in Bezug auf die Kosteneffizienz.

Das finale System optimierte die Anzahl der Sensoren und eingesetzten Messsysteme hinsichtlich der besten Messqualität bei möglichst geringen Kosten. Die notwendigen Komponenten für das finale System sind in Tabelle 2 aufgelistet.

Klassifikation von Prozessparametern

Innerhalb einer Messkampagne erzielten insbesondere die akustischen und vibroakustischen Sensoren eine sehr hohe Klassifikationsleistung (Tabelle 3). Das Fadenzugsignal (FZK) lieferte relevante Informationen, blieb hinsichtlich der Trennschärfe jedoch deutlich zurück.

Die Analyse der Konfusionsmatrizen zeigte, dass Fehlklassifikationen überwiegend innerhalb derselben Geschwindigkeitsklasse auftraten und primär feine Unterschiede in der Kuliertiefe betrafen. Die Prozessgeschwindigkeit prägt das Signal deutlich stärker. Besonders relevant ist, dass die Modellarchitektur ohne strukturelle Anpassung auch auf die produktionsnahen Daten (R3) übertragbar war und dort ein mit dem Labor vergleichbares Niveau erreichte.

Klassifikation von Nadelfehlern

Bei einer vereinheitlichten 3-Klassen-Problemstellung erzielten die akustischen und vibroakustischen Sensoren über alle Kampagnen hinweg durchgehend hohe Genauigkeiten (Tabelle 4). Der tensometrische Sensor erreichte in den Laborkampagnen ebenfalls sehr hohe Werte (Abbildung 6), fiel in der produktionsnahen Kampagne R3 jedoch auf das Zufallsniveau ab.

Der Leistungsabfall des FZK-Sensors in R3 ließ sich auf die veränderte Sensoranbringung zurückführen: Während der Sensor im Labor mittig oberhalb der Maschine positioniert war, erfolgte die Integration im Produktionsumfeld seitlich (Abbildung 7), was die charakteristischen impulsartigen Signalverläufe abschwächte.

Domänenverschiebung und Sensorfusion

Bei der kampagnenübergreifenden Anwendung sank die Klassifikationsleistung deutlich. Die extrahierten Merkmale bildeten kampagnenspezifische Cluster. Für die Parameterklassifikation blieben die akustischen Sensoren dennoch oberhalb des Zufallsniveaus, während der FZK-Sensor nahezu vollständig versagte. Bei der Nadelfehlererkennung zeigte sich ein differenzierteres Bild: Hier erreichte der tensometrische Sensor beim Transfer teils die besten Ergebnisse, da er charakteristische impulsartige Fehlermuster erfasst, die auch unter veränderten Bedingungen stabil bleiben.

Die Sensorfusion erwies sich vor allem unter nicht-stationären Bedingungen als vorteilhaft (Tabelle 5). Während unter stabilen Laborbedingungen der Zusatznutzen begrenzt blieb, verbesserte die Kombination komplementärer Modalitäten in R3 die Robustheit spürbar (Late Fusion und Feature Fusion erreichten hier über 99 %).

Verbogene Nadeln, Verschleiß und Demonstrator

Bei der Erkennung verbogener Nadeln (nicht-impulsartiges Fehlerbild) erreichten die akustischen Sensoren und der Fournisseur Genauigkeiten von über 95 %, während der FZK-Sensor mit 52,9 % nur knapp über dem Zufallsniveau lag. Langsam voranschreitender Verschleiß (etwa durch Verschmutzung) konnte hingegen nicht belastbar detektiert werden: Selbst bei nahezu abgeschalteter Maschinenreinigung trat innerhalb der Versuchsdauer keine messbare Verschmutzung auf, wozu auch die geringe Flusenneigung des Polyestergarns sowie die vergleichsweise kurze Dauer der Messkampagnen beitrug. Die finalen Versagenszustände (Brüche einzelner Strickelemente) waren dagegen gut erkennbar.

Der integrierte Demonstrator führte Datenakquise, Merkmalsextraktion und Klassifikation in einer durchgängigen Pipeline zusammen und wurde am ITM unter praxisnahen Bedingungen validiert. Nach einem Nachtraining auf die konkrete Einsatzumgebung erreichte er eine mittlere Klassifikationsgenauigkeit von etwa 80 % und belegte damit die grundsätzliche Inlinefähigkeit. Eine grafische Benutzeroberfläche (Abbildung 8) ermöglichte die Auswahl der Sensormodelle und die Visualisierung der Ergebnisse.

Diskussion

Die Ergebnisse belegen, dass akustische und vibroakustische Sensorik eine robuste und kosteneffiziente Alternative zu kamerabasierten Systemen darstellt. Über alle Messkampagnen, einschließlich des produktionsnahen Umfelds, lieferten diese Modalitäten sowohl bei der Parameter‑ als auch bei der Nadelfehlerklassifikation durchgehend hohe Genauigkeiten. Besonders bemerkenswert ist die Übertragbarkeit der Modellarchitektur vom Labor auf reale Produktionsbedingungen ohne strukturelle Anpassung.

Ein differenziertes Bild ergibt sich für die tensometrische Sensorik: Sie eignet sich unter kontrollierten Bedingungen hervorragend zur Detektion impulsartiger Einzelnadelfehler, ist jedoch stark von der konkreten Sensoranbringung und der damit verbundenen Krafteinleitung abhängig. Bei veränderter Positionierung oder nicht-impulsartigen Fehlerbildern (verbogene Nadeln) bricht ihre Leistungsfähigkeit ein. Daraus folgt eine aufgabenspezifische Einordnung der Sensormodalitäten: Keine einzelne Sensorik ist für alle Anwendungsfälle gleichermaßen geeignet.

Die zentrale verbleibende Herausforderung ist die Domänenverschiebung. Die deutlichen Leistungseinbußen beim kampagnenübergreifenden Transfer zeigen, dass eine zuverlässige Generalisierung über unterschiedliche Aufnahmeumgebungen hinweg ohne Domänenanpassung, Nachtraining oder zusätzliche repräsentative Trainingsdaten nur eingeschränkt möglich ist. Sensorfusion kann diese Robustheit unter variierenden Bedingungen teilweise erhöhen, ihr Nutzen hängt jedoch maßgeblich von einer anwendungs-spezifischen Gewichtung der Modalitäten ab. Eine wesentliche Einschränkung stellt zudem die begrenzte Anzahl unabhängiger Aufnahmesitzungen dar, die die statistische Aussagekraft hinsichtlich der Robustheit limitiert.

Für die Detektion schleichenden Verschleißes zeigte sich, dass diese im Gegensatz zu akuten Defekten nicht kurzfristig simuliert werden kann, sondern spezifische Langzeitversuche mit kontinuierlicher Datenerfassung und definierten Referenzzuständen erfordert.

Key Takeaway: Akustische Sensorik in Kombination mit KI-gestützter Datenanalyse bietet ein hohes Potenzial für die Digitalisierung der Qualitätssicherung im Flachstrickprozess. Die zentrale Hürde für den industriellen Einsatz ist weniger die grundsätzliche Erkennungsleistung als vielmehr die Robustheit gegenüber Domänenverschiebungen.

Aus wirtschaftlicher Sicht zeigt die Bewertung, dass ein funktionsfähiger Basisausbau des OptiStrick-Systems gemäß Tabelle 2 mit marktverfügbarer Sensorik und Datenerfassungstechnik bereits für ca. 6.160 € je Flachstrick-maschine mit zwei Nadelbetten und drei überwachten Garnen realisierbar ist. Damit liegt der aktuelle Prototypenstand noch oberhalb des ursprünglich angestrebten Zielkorridors von 1.500 €, bildet jedoch eine technisch robuste Ausgangskonfiguration für die industrielle Weiterentwicklung. Zusätzlich ist für eine betriebssichere industrielle Anwendung ein weiterführender Entwicklungsaufwand in der Größenordnung eines weiteren Projektjahres (Personalkosten ca. 90.000 €) einzuplanen. Angesichts einer Ausschussrate von bis zu 10 % bei komplexen technischen Gestricken ist eine Amortisation daher erst mittelfristig zu erwarten. Perspektivisch lassen sich die Kosten jedoch deutlich senken, etwa durch den eines Mikrocomputer (ca. 350 €) nach abgeschlossenem KI-Training oder durch reine akustische Setups mit kostengünstigen Körperschallsensoren (ca. 15 € pro Stück).

Fazit und Ausblick

Das Vorhaben OptiStrick hat mit der Entwicklung des KI-gestützten Inline-Qualitätssicherungssystem für den Flachstrickprozess einen wichtigen Schritt zur Digitalisierung und Automatisierung der Qualitätssicherung in der Strickerei geleistet. Durch die Kombination bereits vorhandener Sensoren, wie Fournisseur und werkseitige Schocksensoren, mit einem zusätzlichen Richtmikrofon lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand ein leistungsfähiges Überwachungs-system realisieren, das Nadeldefekte und daraus resultierende Gestrick-veränderungen frühzeitig und bedienerunabhängig erkennt. Wissenschaftlich wurden die multimodale Verknüpfung tensometrischer, vibroakustischer und akustischer Sensorik, die Entwicklung geeigneter KI-Modelle, sowie die zu-verlässige Klassifikation von Prozessparametern und spezifischen Nadelfehlern erfolgreich demonstriert.

Für zukünftige Arbeiten ergeben sich drei zentrale Handlungsfelder. Erstens sollte die Datengrundlage unter unterschiedlichen realen Einsatzbedingungen deutlich erweitert werden, um die Generalisierungsfähigkeit statistisch abzusichern. Zweitens sind gezielt Methoden zur Verbesserung der Robustheit, etwa Domänenanpassung, angepasste Vorverarbeitung und optimierte Fusions-strategien, zu untersuchen, um Domänenverschiebungen zu kompensieren. Drittens erfordert die Erkennung langsam fortschreitender Verschleiß-mechanismen dedizierte Langzeitversuche mit kontinuierlicher Datenerfassung; für die instrumentierte Erfassung der Nadelbeanspruchung erscheinen zudem miniaturisierte Dehnungsmessstreifen direkt an der Nadel als vielversprechender Ansatz.

Langfristig ist das Funktionsprinzip auf weitere textile Prozesse, etwa Weben, Sticken oder Nähen, übertragbar. Mit zunehmender Betriebsdauer und wachsender Datenbasis verbessern sich die KI-Modelle kontinuierlich, und die absehbaren Fortschritte im Bereich der KI-Soft- und -Hardware werden die Implementierung solcher Systeme wirtschaftlich zunehmend attraktiv machen, insbesondere auch als nachrüstbare, kosteneffiziente Lösungen für bestehende Produktionsanlagen in KMU.

Danksagung

Das IGF-Vorhaben 01IF22931N der Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstr. 12-14, 10117 Berlin wurde über das DLR im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung und -entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Die Autoren danken den genannten Institutionen für die Bereitstellung der finanziellen Mittel. Der Forschungsbericht und weiterführende Informationen sind am Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik der TU Dresden, sowie dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie erhältlich.

Literatur

1.         Kahraman, Y. und A. Durmuşoğlu. Deep learning-based fabric defect detection: A review [online]. Textile Research Journal, 2023, 93(5-6), 1485-1503. ISSN 0040-5175. Verfügbar unter: doi:10.1177/00405175221130773

2.         Metin, A. und T.T. Bilgin. Automated machine learning for fabric quality prediction: a comparative analysis [online]. PeerJ. Computer science, 2024, 10, e2188. Verfügbar unter: doi:10.7717/peerj-cs.2188

3.         Wuest, T., D. Weimer, C. Irgens und K.-D. Thoben. Machine learning in manufacturing: advantages, challenges, and applications [online]. Production & Manufacturing Research, 2016, 4(1), 23-45. Verfügbar unter: doi:10.1080/21693277.2016.1192517

4.         Khusheef, A.S., M. Shahbazi und R. Hashemi. Deep Learning-Based Multi-Sensor Fusion for Process Monitoring: Application to Fused Deposition Modeling [online]. Arabian Journal for Science and Engineering, 2024, 49(8), 10501-10522. ISSN 2193-567X. Verfügbar unter: doi:10.1007/s13369-023-08340-4

5.         Sun, A., S. Che, J. Fu und K. Wang. Multi-sensor information fusion technologies and applications: a review [online]. The International Journal of Advanced Manufacturing Technology, 2026, 144(1-2), 177-192. ISSN 0268-3768. Verfügbar unter: doi:10.1007/s00170-026-17965-2

6.         Wei, B., K. Hao, X. Tang und Y. Ding. A new method using the convolutional neural network with compressive sensing for fabric defect classification based on small sample sizes [online]. Textile Research Journal, 2019, 89(17), 3539-3555. ISSN 0040-5175. Verfügbar unter: doi:10.1177/0040517518813656

7.         Heyen, C. Applying AI for Future Business Models in the Textile and Fashion Value Chain [online]. International Journal for Research in Applied Science and Engineering Technology, 2025, 13(3), 378-386. Verfügbar unter: doi:10.22214/ijraset.2025.67255

8.         Yildirim, P., D. Birant und T. Alpyildiz. Data mining and machine learning in textile industry [online]. WIREs Data Mining and Knowledge Discovery, 2018, 8(1). ISSN 1942-4787. Verfügbar unter: doi:10.1002/widm.1228

9.         Kothuru, A., S.P. Nooka und R. Liu. Application of audible sound signals for tool wear monitoring using machine learning techniques in end milling [online]. The International Journal of Advanced Manufacturing Technology, 2018, 95(9-12), 3797-3808. ISSN 0268-3768. Verfügbar unter: doi:10.1007/s00170-017-1460-1

10.       Fatoba, O.S. und T.-C. Jen. Acoustic-Based In-Situ Monitoring of Additive Manufacturing Fabrication: A Review. In: 2023 14th International Conference on Mechanical and Intelligent Manufacturing Technologies (ICMIMT): IEEE, 2023, S. 250-256. ISBN 979-8-3503-1309-3.

11.       Ciaburro, G. und G. Iannace. Machine-Learning-Based Methods for Acoustic Emission Testing: A Review [online]. Applied Sciences, 2022, 12(20), 10476. Verfügbar unter: doi:10.3390/app122010476

12.       Westenberger, J., K. Schuler und D. Schlegel. Failure of AI projects: understanding the critical factors [online]. Procedia Computer Science, 2022, 196, 69-76. ISSN 18770509. Verfügbar unter: doi:10.1016/j.procs.2021.11.074

 

 

AutorInnen: Kopelmann, Karl Krüger, Tanja Waschilewski, Benjamin Anding, Katharina Seo, Jewon Le Xuan, Hung Cherif, Chokri

hung.le_xuan@tu-dresden.de

https://tu-dresden.de/ing/maschinenwesen/itm

Technische Universität Dresden

Fakultät Maschinenwesen

Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM)

01062 Dresden

 

 

katharina.anding@idmt.fraunhofer.de

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Ehrenbergstraße 31

98693 Ilmenau

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28.01.2026

Echtzeitfähiges Monitoring-System für textile Membranen

Gewebe Sensorik Technische Textilien Smart Textiles Tests

Zusammenfassung

Im IGF‑Projekt 01IF22600N wurde am ITM der TU Dresden ein echtzeitfähiges, fasersensorbasiertes Monitoring‑System für textile Membranen entwickelt. Textile Membranstrukturen werden in zahlreichen technischen Anwendungen eingesetzt, jedoch fehlen bislang Methoden zur kontinuierlichen, vollflächigen Zustandsüberwachung. Das Projektziel bestand darin, ein integriertes Sensorsystem zu realisieren, das den globalen Spannungszustand der Membran erfasst und so Hinweise auf Überlastungen und Schädigungen liefert. Hierzu wurden geeignete fadenförmige Sensormaterialien identifiziert, Sensorstrukturen mittels Stick- und Webverfahren in die Membran integriert und robuste Kontaktierungs- und Beschichtungsstrategien entwickelt. Auf Basis experimenteller Daten und FEM‑Simulationen entstand ein KI‑basiertes Regressionsmodell, das Lastpositionen in Echtzeit mit ±3 mm Genauigkeit und Lastbeträge mit ±0,6 N bestimmt und daraus den vollflächigen Spannungszustand ableitet. Die Ergebnisse zeigen, dass die mechanische Leistungsfähigkeit der Membran trotz Sensorintegration weitgehend erhalten bleibt und textile Strukturen wirksam zu intelligenten, selbstüberwachenden Tragwerken erweitert werden können.

Bericht

Einleitung

Textile Membranstrukturen haben sich als leichte, flexible und zugleich leistungsfähige Bauelemente in zahlreichen technischen Anwendungen etabliert, etwa in architektonischen Dach- und Fassadensystemen, in mobilen und stationären Schutzbauten oder im maritimen Umfeld. Ihre Tragfähigkeit und Dauerfestigkeit hängen jedoch entscheidend von statisch und dynamisch herrschenden Beanspruchungen ab, da lokale Überlastungen und unerkannte Schädigungen im Extremfall zu plötzlichen Strukturversagen führen können. In der Praxis basieren Inspektionen bislang überwiegend auf visuellen Kontrollen und punktuellen Messungen, die weder eine kontinuierliche Zustandsbeobachtung noch eine flächendeckende Bewertung des Membranverhaltens erlauben und daher nur eingeschränkte Aussagekraft für eine vorausschauende Instandhaltung besitzen. Vor diesem Hintergrund verfolgt das IGF‑Vorhaben 01IF22600N das Ziel, textile Membranen in intelligente, sensorisch funktionalisierte Strukturen zu transformieren, die ihren eigenen Spannungs- und Schädigungszustand in Echtzeit erfassen. Dazu wird eine textile Sensorstruktur [1] in die Membranstruktur integriert [2, 3] und deren Messwerte in Kombination mit Simulationsergebnissen [4, 5] durch KI-basierte Algorithmen [6] ausgewertet.

Zielsetzung und Lösungsweg

Zentrales Ziel des Projekts war die Kreierung eines fasersensorbasierten Monitoring-Systems, das eine vollflächige Spannungsverteilung textile Membranen ermittelt und somit Hinweise auf Ermüdungserscheinungen und strukturelle Schädigungen geben kann. Hierzu wurden fadenförmige Sensormaterialien auf ihre Dehnungseigenschaften und Eignung für den Einsatz im Verbund mit der Membran untersucht. Mit den Vorzugsvarianten wurden Bindungsmuster für Gewebe mit integrierter Sensorik- und Energieversorgungsstruktur entwickelt und gefertigt. Diese Muster wurden mechanisch charakterisiert bei gleichzeitiger Erfassung der Sensormesswerte. Gleichzeitig wurden für die Prüfszenarien die globale Dehnungsverteilung simuliert. Auf Grundlage dieser Daten wurden Algorithmen entwickelt, die aus den Sensormesswerten die globale Dehnungsverteilung errechnen und in Echtzeit z. B. als Heatmap ausgeben. Das entwickelte System wurde erfolgreich umgesetzt und in einen Funktionsdemonstrator integriert.

Ergebnisse

Fadenförmige Sensormaterialien

Für die Suche nach einem geeigneten Fadensensormaterial wurden besilberte Polyamidgarne, pseudoelastische Formgedächtnislegierungen (FGL) und Präzisionswiderstandslegierungen als aussichtsreiche Varianten ausgewählt. Untersucht wurde das Verhalten des elektrischen Widerstands unter Dehnung, die Temperaturstabilität und die Eignung für die spätere textiltechnische Integration in den Membranverbund. Als Charakterisierungsmethode wurden zyklische Zugversuche bis 10 % Dehnung gewählt, die unter verschiedenen Temperaturen zwischen -20 °C und 70 °C wiederholt wurden. Im Ergebnis dieser Untersuchungen erwiesen sich FGL aufgrund ihrer großen Temperaturabhängigkeit und des stark nicht-linearen Widerstandsverhalten als ungeeignet. Sowohl Präzisionswiderstandslegierungen (Isaohm® / Isabellenhütte) als auch besilberte Polyamidgarne (SilverTech+® 150 / Amann & Söhne GmbH & Co. KG) erschienen grundsätzlich als geeignet und wurden bei den folgenden Versuchen berücksichtigt, wobei die Präzisionswiderstandslegierungen aufgrund der geringeren Temperaturabhängigkeit und des linearen Sensorverhaltens als Vorzugsvariante identifiziert wurden. Für die Realisierung des elektrischen Kontaktierungsnetzwerks wurde aufgrund der guten textilen Verarbeitbarkeit und des geringen elektrischen Grundwiderstands (<< 1 Ω/m) ein Feindraht (LitzWire / Rudolf Pack GmbH & Co. KG) ausgewählt.

Entwicklung und Herstellung von Funktionsmustern

Für die Entwicklung eines Funktionsmusters wurden zwei Ansätze verfolgt. Zum einen wurden Muster mittels der Sticktechnologie und des TFP-Verfahrens hergestellt, zum anderen wurde der fadenförmige Sensor und die textile Zuleitung bereits im Webprozess in das textile Halbzeug integriert. Für die gestickten Muster wurde auf einer kommerziell erhältlichen Membran (HEYtex tentorium 900) gearbeitet. Dabei wurden sowohl das besilberte Polyamidgarn als auch die Präzisionswiderstandslegierung im Tailored-Fiber-Placement-Verfahren (TFP) in Mändern aufgebracht (Abbildung 1), um die Sensorlänge zu vergrößern und damit die Messgenauigkeit zu erhöhen. Zudem wurden die Sensorpatches in verschiedenen Orientierungen aufgebracht, um die Dehnung in verschiedenen Richtungen zu erfassen. Parallel dazu wurde das besilberte Polyamidgarn Shieldex® 117, welches in der textilen Verarbeitung robuster ist als SilverTech+® 150, mit den regulären Sticharten Zick-Zack- und Kettelstich ohne Hilfsfaden aufgestickt.

Für die gewebten Muster wurde ein Raster mit Schuss- und Kettfäden aus Zuleitungs- und Sensormaterial entworfen, das mustertechnisch mit dem Grundgewebe aus Polyester kombiniert wurde (Abbildung 2). So konnten Anordnungen mit Sensoren in Kett- und Schussrichtungen realisiert werden, die später die Berechnung der Dehnungsbeanspruchung in verschiedenen Richtungen erlaubt. Insgesamt wurden drei Muster realisiert, welche sich durch Länge und Position der Sensoren unterschieden. Die dritte Variante war ein Hybrid, der ein gewebtes Zuleitungsnetzwerk mit nachträglich aufgestickten Sensorpatches kombinierte. In den leitfähigen Strukturen wurden zwei Arten von Kreuzungspunkten, mit und ohne elektrischen Kontakt, realisiert und bindungstechnisch umgesetzt. Die Muster wurden auf einer Greiferwebmaschine mit Mittenübergabe produziert (Lindauer Dornier P1) gefertigt.

Entwicklung von Kontaktierungslösungen

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt bestand in der Ausarbeitung praxistauglicher Kontaktierungsstrategien für das Sensornetzwerk. Konventionelle Lötverfahren führten aufgrund hoher Prozesstemperaturen zu Schäden am textilen Grundmaterial, während alternative leitfähige Kleber zunächst zu hohe Übergangswiderstände im kΩ‑Bereich aufwiesen. Durch den Einsatz eines Epoxid‑Silberleitklebers (8330S) mit definierter Aushärtung (160 °C, 90 s, leichter Druck) konnten hingegen stabile, niederohmige Kontaktierungen sowohl innerhalb des Gewebes als auch an den Warenrändern realisiert werden; in Kombination mit Crimpkontakten wurde eine mechanisch robuste und elektrisch zuverlässige Verbindung zu externer Messtechnik erreicht.

Beschichtung des textilen Halbzeugs mit integrierter Sensorstruktur

Die anschließende Beschichtung der funktionalisierten Gewebe mit einer vom Industriepartner bereitgestellten PVC‑Paste (plus 5 % Haftvermittler) erfolgte auf einem LineCoater der Firma COATEMA (Abbildung 3). Es zeige sich, dass mit geringer Auftragsdicke sowohl integral eingewebte (0,2 mm) als auch gestickte Sensor- und Zuleitungsstrukturen (0,7 mm) in die Membran integriert werden konnten, sodass die mechanischen Basiseigenschaften der Membran nur minimal verändert wurden, während eine vollständige Überdeckung und elektrische Isolation der Sensorik erreicht wurde. Ergänzende Versuche mit Transferfolien und direkt applizierten PVC‑Klebschichten zeigten, dass auch manuelle oder halbmanuelle Beschichtungsstrategien für lokale oder nachträgliche Funktionalisierungen geeignet sind, insbesondere bei kleineren Membranflächen.

Charakterisierung der Membran mit integrierter Sensorik

Die gefertigten Muster wurden zunächst in uniaxialen Zugversuchen geprüft. Dabei wurden neben den grundlegenden mechanischen auch die elektromechanischen Eigenschaften bestimmt. Dabei lag ein besonderes Augenmerk auf dem Einfluss der integrierten Sensorik auf die strukturelle Integrität. Dazu wurde sowohl in Schuss- als auch in Kettrichtung geprüft. Die gefertigten Muster lagen mit einer maximalen Kraft von 3810 N bei 23,2 % Dehnung in Schussrichtung und 4100 N bei 24,9 % Dehnung in Kettrichtung auf einem ähnlichen Niveau wie das kommerzielle Produkt der Firma Heytex (Schuss: 3780 N bei 25,8 %; Kett: 3920 N bei 20,6 %). Entsprechend war nicht davon auszugehen, dass die mechanische Leistungsfähigkeit durch die Integration des Sensornetzwerks beeinflusst wird.

Entwicklung von Algorithmen zur vollflächigen Dehnungszustandserfassung

Basierend auf biaxialen Zugversuchen der kommerziellen Membran wurden FE-Modelle für die vollflächige Simulation der Beanspruchungszustände erstellt. Neben der Datenbasis für die Algorithmenentwicklung konnte so auch die Auswahl geeigneter Sensorlayouts unterstützt werden. Die Modellierung basierte auf Schalenelementen mit anisotropem Materialmodell. Auf Basis des kalibrierten Materialmodells wurden Simulationen mit zufällig variierten Lastpositionen und -größen durchgeführt, die einen Teil der Datenbasis für die Algorithmenentwicklung bildeten.

Das den Algorithmen zugrundeliegende KI-Modell basierte auf einem regressiven Modell. Dazu wurden die zuvor simulierten Lastfälle auf den Demonstrator aufgebracht. Die entstandenen Sensormesswerte dienten dem Training des Modells. Im Anschluss wurde das Modell anhand der Parameter Mean Absolute Error (MAE), Root Mean Squared Error (RMSE) und Bestimmtheitsmaß (R²) bewertet. Für den Funktionsdemonstrator, der aus einer quadratischen, eben aufgespannten Membran bestand, zeigte sich eine hohe Genauigkeit für die Positionsbestimmung im einstelligen mm-Bereich. Auch der Betrag der Last wurde mit einem Bestimmtheitsmaß von 0,9604 präzise bestimmt. Das System erreicht ± 3 mm Ortsauflösung und ± 0,6 N Kraftgenauigkeit bei Demonstratorlasten < 50 N und ist bis hin zu kN-Lastbereiche skalierbar. Auf der Grundlage der bestimmten Werte für die Position und den Betrag eines Lasteintrags wurde über mehrstufige k-Nearest-Neighbor-Modelle der zugehörige vollflächige Spannungszustand bestimmt. Das entstandene Modell zeigte mit einer Abweichung von unter 5 % zur FEM-Referenz eine hohe Regressionsgüte. Zudem erwies sich das Modell allgemein als sehr stabil und erlaubte die angestrebte Echtzeitbestimmung der Spannungsverteilung. Für den Funktionsdemonstrator wurden die Ergebnisse des Modells in Echtzeit auf einer Displayeinheit neben der Membran visualisiert (Abbildung 4), sodass die Auswirkung aufgebrachter Belastungen für den Nutzer sofort ersichtlich waren.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend zeigt das IGF Projekt MeMo, dass sich PVC‑beschichtete PES‑Membranen durch die Kombination geeigneter Sensormaterialien, textiler Integrationsstrategien und robuster Kontaktierungs- und Beschichtungsverfahren zu intelligenten, echtzeitfähigen Tragstrukturen weiterentwickeln lassen. Die experimentellen Ergebnisse belegen, dass die mechanische Leistungsfähigkeit der Membran trotz Integration der Sensorik weitgehend erhalten bleibt und die funktionalen Anforderungen – insbesondere bezüglich Messbereich, Temperaturstabilität und Langzeitverhalten der ausgewählten Sensormaterialien – erfüllt werden. Im Projekt wurde ein KI-basierter Regressionsansatz entwickelt, der aus textilintegrierten Sensorsignalen in Echtzeit Lastpositionen und -beträge ermittelt und daraus vollflächige Spannungszustände ableitet, ohne während des Betriebs numerische Simulationen zu benötigen. Der Ansatz zeichnet sich durch hohe Robustheit gegenüber sensorbedingten Streuungen sowie geringe Anforderungen an Rechenleistung und Trainingsdaten aus. Die zugrunde liegende Methodik ist grundsätzlich auf andere großflächige, deformierbare Strukturen mit integrierter Sensorik übertragbar, etwa in der textilen Architektur, im Leichtbau oder bei membran- und verbundbasierten Struktursystemen bspw. im maritimen Bereich.

Gleichzeitig machen die Untersuchungen deutlich, dass die Art der Integration und Kontaktierung einen erheblichen Einfluss auf die Qualität der Sensorsignale besitzt: Inline‑kontaktierte, integral eingewebte Sensoren sind technologisch anspruchsvoll und hinsichtlich Signalstabilität derzeit noch limitiert, während gestickte Sensornetzwerke mit klar definierten, gut zugänglichen Kontaktstellen deutlich robustere und auswertefreundlichere Signale liefern. Damit liefern die Arbeiten nicht nur einen vollständigen technischen Baukasten, sondern auch eine klare Präferenz für die weitere Systementwicklung in Richtung gestickter, hybrider Membranlösungen.

Im Bereich der mechanischen und elektromechanischen Charakterisierung erscheint eine Vertiefung biaxialer Prüfprogramme an funktionalisierten Membranen sinnvoll. Diese würden eine noch engere Verknüpfung von experimentellen und numerischen Daten erlauben und die Validierung der in den FEM‑Modellen verwendeten Material- und Schädigungsbeschreibungen auf das Sensor‑Membran‑System als Ganzes ausdehnen. Parallel dazu können die auf den bisherigen Daten aufbauenden Algorithmen zur Lastlokalisation und Spannungsrekonstruktion um weitere Lastkollektive, komplexere Randbedingungen und zusätzliche Fehlerbilder erweitert werden, sodass das Monitoring-System langfristig auch in stark variierenden Einsatzszenarien zuverlässig arbeitet.

Auf dieser Basis lassen sich perspektivisch Fertigungs- und Nachrüstkonzepte entwickeln, mit denen intelligente, selbstüberwachende Membranstrukturen in unterschiedlichen Branchen – von der Bauindustrie über Schutz- und Sicherheitsanwendungen bis hin zum maritimen Bereich – umgesetzt werden können.

Danksagung

Das IGF-Vorhaben 01IF22600N der Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstr. 12-14, 10117 Berlin wurde über das DLR im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung und -entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Die Autoren danken den genannten Institutionen für die Bereitstellung der finanziellen Mittel. Der Forschungsbericht und weiterführende Informationen sind am Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik der TU Dresden erhältlich.

Literatur

[1]   J. Mersch, C. A. G. Cuaran, A. Vasilev, A. Nocke, C. Cherif, and G. Gerlach, "Stretchable and Compliant Textile Strain Sensors," IEEE Sensors J., vol. 21, no. 22, pp. 25632–25640, 2021, doi: 10.1109/JSEN.2021.3115973.

[2]   E. Haentzsche, R. Mueller, T. Ruder, A. Nocke, and C. Cherif, "Integrative Manufacturing of Textile-Based Sensors for Spatially Resolved Structural Health Monitoring Tasks of Large-Scaled Composite Components," MSF, 825-826, pp. 571–578, 2015, doi: 10.4028/www.scientific.net/MSF.825-826.571.

[3]   K. Bremer, F. Weigand, Y. Zheng, L. S. Alwis, R. Helbig, and B. Roth, "Structural Health Monitoring Using Textile Reinforcement Structures with Integrated Optical Fiber Sensors," Sensors (Basel, Switzerland), vol. 17, no. 2, 2017, doi: 10.3390/s17020345.

[4]   T. D. Dinh et al., "A study of tension fabric membrane structures under in-plane loading: Nonlinear finite element analysis and validation," Composite Structures, vol. 128, pp. 10–20, 2015, doi: 10.1016/j.compstruct.2015.03.055.

[5]   T. D. Dinh, A. Rezaei, L. de Laet, M. Mollaert, D. van Hemelrijck, and W. van Paepegem, "A new elasto-plastic material model for coated fabric," Engineering Structures, vol. 71, pp. 222–233, 2014, doi: 10.1016/j.engstruct.2014.04.027.

[6]   J. Vitola, F. Pozo, D. A. Tibaduiza, and M. Anaya, "A Sensor Data Fusion System Based on k-Nearest Neighbor Pattern Classification for Structural Health Monitoring Applications," Sensors (Basel, Switzerland), vol. 17, no. 2, 2017, doi: 10.3390/s17020417.

 

AutorInnen: Karl Kopelmann Anna Happel Florian Schmidt Tobias Lang Hung Le Xuan Chokri Cherif

Technische Universität Dresden

Fakultät Maschinenwesen

Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM)

01062 Dresden

https://tu-dresden.de/ing/maschinenwesen/itm

 

Gewebe Sensorik Technische Textilien

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05.02.2025

Integral flachgestrickte Drucksensoren für smart Textiles

Gestricke & Gewirke Sensorik Smart Textiles Tests

Zusammenfassung

Im IGF-Projekt 21990 BR1 wurde das „Textiles Smart-Skin-3D-System (S3D)“ entwickelt – ein innovatives, flachgestricktes Sensorsystem, das Druck- und Näherungsmessungen nahtlos in textile Produkte integriert. Ziel war es, flexible und robuste Sensorik bereits im Herstellungsprozess einzubetten und so die Komplexität sowie potenzielle Schwachstellen herkömmlicher Mehrkomponentensysteme zu vermeiden. Hierzu wurden komplexe 3D-gestrickte Strukturen realisiert, die leitfähige Sensorgarne und gezielt eingearbeitete dielektrische Materialien wie silikonbasierte Inserts nutzen, um kapazitive Messprinzipien anzuwenden.

Die Optimierung von Garnauswahl und Strickparametern ermöglichte eine präzise Erfassung von Druckkräften und Annäherungen. Als Demonstrator wurde ein vollständig integrierter Sensorhandschuh mit 13 Sensorflächen entwickelt, der Greif- und Haltekräfte misst. Zyklische elektromechanische Prüfungen bestätigten ein stabiles Sensorverhalten. Insbesondere zeigte die Variante mit einem 1 mm starken Dielektrikum optimale Übertragungscharakteristika, geringe Hysterese und eine Sensordrift im akzeptablen Rahmen. Zusätzlich erbrachte ein textilbasierter Näherungssensor zuverlässige Messwerte für Abstände bis zu 120 mm.

Die Ergebnisse belegen das Potenzial flachgestrickter Sensoren als integraler Bestandteil smarter, tragbarer Textilien – mit Anwendungsmöglichkeiten in Telerehabilitation, Medizintechnik, Arbeitsschutz und weiteren Digitalisierungsbereichen.

Summary

In the IGF project 21990 BR1, the “Textiles Smart-Skin-3D-System (S3D)” was developed – an innovative, flat-knit sensor system that seamlessly integrates pressure and proximity measurements into textile products. The aim was to embed flexible and robust sensor technology into the manufacturing process, thereby avoiding the complexity and potential weaknesses of conventional multi-component systems. To achieve this, complex 3D-knit structures were created using conductive sensor yarns and strategically incorporated dielectric materials, such as silicone-based inserts, to implement a capacitive sensing approach.

Optimizing yarn selection and knitting parameters enabled the precise detection of pressure forces and proximity. A demonstrator in the form of a fully integrated sensor glove with 13 sensing areas was developed, capable of measuring gripping and holding forces. Cyclic electromechanical tests confirmed stable sensor performance. In particular, the variant with a 1 mm thick dielectric exhibited optimal transfer characteristics, low hysteresis, and acceptable sensor drift. Additionally, the textile-based proximity sensor reliably measured distances of up to 120 mm.

The results demonstrate the potential of flat-knit sensors as an integral component of smart, wearable textiles with applications in telerehabilitation, medical technology, occupational safety, and other digitalization sectors.

Bericht

Einleitung

Vor dem Hintergrund globaler Megatrends wie der Digitalisierung in der Medizin bestehen für die Textilindustrie große Chancen, vom erwarteten weiteren Wachstum von am Körper tragbaren, flexibel einsetzbaren und computergestützten Systemen zu profitieren. Zu dieser neuen Geräteklasse, den sogenannten Wearables, gehören Textilien, die über die klassischen Funktionen von Bekleidung oder beispielsweise Bandagen hinaus mit elektronischen Zusatzfunktionen ausgestattet sind. Da Textilien häufig die Schnittstelle zwischen dem Menschen und seiner Umwelt darstellen, sind sie prädestiniert, auch bei der Digitalisierung menschlicher Wahrnehmungen und Fähigkeiten (z. B. Bewegungen, Haptik etc.) und umgekehrt der Rückkopplung von der virtuellen in die analoge Welt eine entscheidende Brückenfunktion zu übernehmen und so als künstliche Haut (bzw. Smart Skin) bestehende optische und akustische Schnittstellen zu ergänzen.

Ein Bereich in dem smarte Textilien einen großen Zugewinn nützlicher Informationen bereitstellen, ist die Medizin und Rehabilitationstechnik. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung und damit einhergehend einer hohen Belastung medizinischer Versorger, die unter gleichzeitigem Personalmangel leiden, ist nicht immer ein ausreichendes Angebot in erreichbarer Nähe realisierbar. Vor allem im Bereich der medizinischen Folgebehandlungen für Physiotherapie einhergehend mit langen Transportwegen oder fehlender Transportfähigkeit des Patienten kann dies zu Heilungsverlangsam oder sogar -verhinderung führen. Eine Unterstützung von Patienten durch einen medizinischen Laien (Familienangehörige, Bekannte etc.) mit einem geringfügigen Lernaufwand soll durch den in diesem Projekt entwickelten Handschuh ermöglicht werden. Dieser ermöglicht die Überwachung von Greif- und Haltebewegungen sowie Feedback zur Korrektur. In der Telerehabilitation gibt es keine vergleichbaren Systeme, die autonom ohne Experteneinsatz arbeiten [1, 2]. Das Projekt fokussierte auf die Entwicklung multifunktionaler Druck-/ Näherungssensorik durch flachstricktechnische Verfahren. Diese ermöglichen die kostengünstige Integration in Funktionsbekleidung, aber auch in Roboterkomponenten.

Zielsetzung und Lösungsweg

Das Ziel des IGF-Forschungsprojekts war die Entwicklung, Charakterisierung und Erprobung textilbasierter Drucksensoren, die mittels Flachstricktechnik in einen Handschuh integriert werden sollten um die aufgebrachte Kraft auf den Fingergliedern und dem Handballen zu überwachen. Es wurden flächenbasierte, gestrickte Sensorkonzepte mit einem kapazitiven Messprinzip verfolgt. Die entwickelten Sensoren wurden mittels zyklischer elektromechanischer Druckprüfungen untersucht und eine Vorzugsvariante der Sensoren zur Integration in einem Funktionsdemonstrator ermittelt. Weiterhin wurden kapazitive Näherungssensoren entwickelt und evaluiert.

Ergebnisse

Entwicklung der gestrickten Drucksensoren

Für die Entwicklung der Sensoren wurde die Umsetzung eines kapazitiven Drucksensors mithilfe von Flachstricktechnik verfolgt. Die Vorteile kapazitiver Sensoren gegenüber resistiver Sensoren liegen in ihrer Unempfindlichkeit gegenüber Temperatur [3], was in einer körpernahen Anwendung von Vorteil ist. Der einfachste Aufbau eines Kondensators ist der Plattenkondensator. In diesem Aufbau sind zwei parallele Platten durch ein Dielektrikum getrennt. Durch das Aufbringen einer Druckkraft F auf diese Platten und damit ein Zusammendrücken des Dielektrikums mit der Dielektrizitätskonstante  ε ändert sich der Plattenabstand d und somit die Kapazität C wie in Abbildung 1 gezeigt. Hier wird deutlich, dass die Kapazitätsänderung ∆C indirekt proportional zur Änderung des Plattenabstands ∆d, die wiederum abhängig ist von der induzierten Kraft, dem E-Modul E und den geometrischen Maßen des Plattenkondensators mit b = Breite und l = Länge.

Für den Aufbau der gestrickten kapazitiven Sensoren wurden verschiedene Konzepte erstellt, die in Abbildung 2 dargestellt sind. Anhand einer systematischen Variantenbewertung nach ergonomischen, stricktechnischen, sensortechnischen Anforderungen und praktischer Versuchstests wurde eine Sensorvariante mit einem Insert als Dielektrikum und einer vollflächigen Elektrode aus leitfähigem Garn als Vorzugsvariante gewählt und zu einer Handschuhfinger gleichenden Doppelschlauchstruktur erweitert.

Zur Auswahl des Elektrodengarns wurden Vorversuche durchgeführt um die stricktechnische Eignung der teilweise anspruchsvoll zu verarbeitenden Garne auf Stahl- und Silberbasis zu bewerten. Hierbei wurden Garne von Statex (Shieldex® 235 f 36dtex Z130), Amann (Steel-tech® 100 tex 93, Silver-tech+® 150 tex 22) und Bekaert (Bekinox® VN 14.1.9.100Z) genutzt. In diesen Vorversuchen erwies sich Silver-tech+® 150 als Vorzugsvariante, da es sehr gut mit dem umgebenden Basismaterial aus Umwindegarn (Tencel CV Nm40 mit PA6.6 78/78f23/1) fertigungstechnisch kompatibel war.

Herstellung der Sensoren

Ziel des Projekts war die Herstellung eines Sensorhandschuhs mittels Flachstricktechnik, eine Strickmethode, die die Möglichkeit bietet Fully Fashioned Artikel in einem Arbeitsschritt herzustellen, wodurch komplizierte gestrickte Flächen endkonturnah hergestellt werden können. Um ein höchstmöglich automatisiert herstellbares Produkt zu entwickeln wurde der Drucksensor mit einem Fokus auf Vermeidung nachfolgender Konfektionierungsschritte entwickelt. Daher wurde der Drucksensor als eine Doppelschlauchstruktur konzeptioniert. Diese wird durch zwei Elemente geformt: Zum einen durch die Tasche des Sensors, zum anderen durch einen Fingerling, der eine Tragbarkeit des Sensors ermöglicht. In Abbildung 3 ist der Aufbau schematisch dargestellt. Im Sensorbereich ergibt sich daher ein dreilagiges Doppelschlauch-gestrick. Das umfasst die äußere sowie innere Elektrode und die Rückseite des Fingers. Das Dielektrikum wird durch ein Insert, welches während des Strickprozesses eingelegt wird, gebildet. Diese Variante des Konzeptes ermöglicht eine weitestgehend automatisierte Fertigung des Handschuhs an der Flachstrickmaschine ohne nachgelagerte Konfektionsschritte. Für die Einbringung des Dielektrikums ist eine Unterbrechung des Strickprozesses erforderlich.

Validierung der Sensoren

Die gestrickten kapazitiven Sensoren wurden auf ihre Eignung als Drucksensor in zyklischen elektromechanischen Messungen überprüft. Der Versuchsaufbau mit Mess- und Versuchsgeräten sowie der Prüfablauf sind in Abbildung 4 dokumentiert. Um den Einfluss des Dielektrikums zu untersuchen, wurden Sensoren mit einem 2 mm und einem 1 mm starken silikonbasierten Dielektrikum hergestellt. Aus den ermittelten Daten wurden das Übertragungsverhalten (als Zusammenhang zwischen Kompressionskraft und Sensorsignal), die Sensordrift (als Signalwerte bei Entlastung der Sensoren) und die Hysterese (als maximale Differenz zwischen Be- und Entlastungskurve über den Messbereich) berechnet (siehe Abbildung 5).

Es zeigte sich, dass beide Varianten ein stabiles Sensorverhalten aufweisen, wobei die Sensorvariante mit einem 1 mm starken Dielektrikum bessere Ergebnisse im Übertragungsverhalten und in Hysterese zeigte. Die Sensordrift lag hier etwas höher, lag aber bei beiden Varianten unter 5 % und damit in einem, für praktische Anwendungen dieser Technologie, akzeptablen Bereich. Dieser Versuch zeigte, dass das Dielektrikum einen entscheidenden Einfluss auf das Sensorverhalten hat und dieses durch die relativ kleine Anpassung des Insertmaterials für verschiedene Messbereiche und -sensitivitäten angepasst werden kann. Weitere Ausführungen, Ergebnisse und Diskussionen können aus der Publikation in [4] entnommen werden.

Näherungssensor

Das Konzept für die textile Näherungssensorik wurde mit einer einzelnen textilen gestrickten Elektrode und einem Arduino Uno umgesetzt. Für die Versuchsdurchführung wurde eine menschliche Hand als zu erfassendes Objekt an den Sensor geführt und der Abstand zwischen Hand und Sensor gemessen. In Abbildung 6 sind das Sensorsignal und korrelierte Abstände der Hand dazu gezeigt, sowie das Schaltbild dargestellt. Hierbei konnten Abstände von bis zu 120 mm zur Hand noch erfasst werden mit einer guten Signalstabilität, sodass hier eine Quantifizierung des Abstands denkbar ist.

Demonstrator

Die Vorzugsvariante für den Druck- und Näherungssensor wurde übertragen auf einen vollständig gestrickten und integral gefertigten Handschuh mit 13 Sensoren, wobei 2 Sensorflächen für Daumen, 3 Sensorflächen für Zeige- und Mittelfinger und 5 Sensorflächen auf der Handfläche für die Erfassung von Kräften realisiert wurden. Der finale Funktionsdemonstrator ist in Abbildung 7 gezeigt. Die elektrischen Zuleitungen wurden für diesen FD manuell realisiert. Eine sensorische Funktionalisierung des Ringfingers und des kleinen Fingers war durch die begrenzte Anzahl an Fadenführern innerhalb der Strickmaschine nicht möglich (max. 13 Sensorflächen). Die Signale der einzelnen Sensoren wurden mittels eines RaspberryPi 5 und einer dafür entwickelten Software ausgewertet. In verschiedenen Greiftests wurden die Sensoren validiert. Bei allen funktionsfähigen Sensoren konnte ein verlässlicher Anstieg des Signals bei Kompression erfasst werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Verwendung textiltechnischer Lösungen zur Überwachung des menschlichen Körpers und der auf ihn wirkenden Lasten ist ein vielversprechendes Forschungsfeld, das Anwendungen in der Physiotherapie, im Arbeitsschutz und in der Digitalisierung von Arbeitsprozessen ermöglicht. Im Rahmen dieses Projekts lag der Fokus auf der Entwicklung und Integration von Druck- und Näherungssensoren in textile Strukturen. Dabei wurden innovative textilbasierte Ansätze verfolgt, insbesondere die Herstellung vollständig textilintegrierter Sensoren im Fully-Fashioned-Verfahren. Im Gegensatz zu herkömmlichen Systemen, die oft aus vielen Einzelkomponenten bestehen und dadurch Schwachstellen aufweisen, bieten textilbasierte Sensorsysteme eine höhere Kompatibilität mit textilen Basissystemen und eine höhere Flexibilität. Die in dieser Arbeit entwickelten Sensoren sind vielseitig einsetzbar und können in zahlreiche textile Strukturen, und vor allem gestrickter Strukturen, diverser Form und Größe übertragen werden.

Unter Beachtung industrienaher Anforderungen, die zusammen mit den am Projekt beteiligten Industriepartnern festgelegt wurden, wurden verschiedene Konzepte für Druck- und Näherungssensoren für einen Sensorhandschuh unter Nutzung von Flachstricktechnik entwickelt. Die bevorzugte Lösung für gestrickte Druck- und Näherungssensoren basiert auf einem Doppelschlauchgestrick, das einen flexiblen Plattenkondensator darstellt. Diese Sensoren bestehen aus Elektroden aus leitfähigem Garn und einem weichen Material, beispielsweise Silikon, das als Dielektrikum dient. Dadurch, dass das Material für das Dielektrikum flexibel gewählt werden kann, sind Messbereich und -verhalten auch für andere Anwendungen mit diesem Konzept einfach zu variieren. Für die Druckmessung wurde das Ansprechverhalten der entwickelten Sensoren eingehend getestet, und ihre Stabilität analysiert und ein funktionsgerechtes Messverhalten der Sensoren im Messbereich 0 bis 10 N festgestellt.

Die Vorzugsvariante der Sensoren wurde in einem Funktionsdemonstrator mit 13 Sensorflächen umgesetzt. Dies sollte in weiteren Arbeiten um 6 weitere Sensorflächen für die einzelnen Fingergelenke von Ring- und kleinem Finger ergänzt werden. Die Anzahl der Sensorflächen war in diesem Projekt durch die Anzahl der verfügbaren Fadenführer begrenzt. Weiterhin sollte das Einlegen des dielektrischen Inserts stärker automatisiert werden um die Zeit, die benötigt wird um die Drucksensorhandschuhe zu stricken, reduziert wird.

Danksagung

Das IGF-Vorhaben 21990 BR der Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstr. 12-14, 10117 Berlin wurde über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung und -entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Die Autoren danken den genannten Institutionen für die Bereitstellung der finanziellen Mittel. Der Forschungsbericht und weiterführende Informationen sind am Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik der TU Dresden erhältlich.

 

Literatur

 

[1]   K. Ettle et al., "Telepräsenzroboter für die Pflege und Unterstützung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten (TePUS) im Regierungsbezirk Oberpfalz: DeinHaus 4.0," Regensburg, Jun. 2020. Accessed: Nov. 30 2020.

[2]   K. Berkenkamp, "Telerehabilitation in der Schlaganfallversorgung – Einflussfaktoren auf Adoption und Akzeptanz von klinisch tätigen Ärzten und Therapeuten," 2020.

[3]   J. Mersch, C. A. G. Cuaran, A. Vasilev, A. Nocke, C. Cherif, and G. Gerlach, "Stretchable and Compliant Textile Strain Sensors," IEEE Sensors J., vol. 21, no. 22, pp. 25632–25640, 2021, doi: 10.1109/JSEN.2021.3115973.

[4]   S. Fischer, C. Böhmer, S. Nasrin, C. Sachse, C. Cherif. Flat-Knitted Double-Tube Structure Capacitive Pressure Sensors Integrated into Fingertips of Fully Fashioned Glove Intended for Therapeutic Use. Sensors 2024, 24, 7500. https://doi.org/10.3390/s24237500

 

 

AutorInnen: Carola Bömer

Technische Universität Dresden
Fakultät Maschinenwesen
Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM)
01062 Dresden

https://tu-dresden.de/mw/itm

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15.05.2023

Google Lens in der Altkleidersortierung

Recycling Nachhaltigkeit Kreislaufwirtschaft Haus- und Heimtextilien Fashion

Zusammenfassung

Die Textilindustrie steht vor enormen ökologischen Herausforderungen, die auf ein lineares Wertschöpfungsmodell zurückzuführen sind. Gegenwärtig fallen 7 bis 7,5 Millionen Tonnen textiler Reststoffe in der EU-27 und der Schweiz jährlich an - dies entspricht mehr als 15 Kilogramm pro Person. Die größte Quelle dafür sind entsorgte Kleidungsstücke und Heimtextilien von Verbrauchern - sie machen etwa 85 Prozent der gesamten textilen Reststoffe aus. Diese großen Mengen an textilen Reststoffen müssen sortiert und verarbeitet werden.

Google Lens ist eine Bilderkennungssoftware von Google, die auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz basiert. Mit Hilfe der Kamera eines Smartphones kann Google Lens Bilder von Objekten, Texten oder Landschaften erfassen, diese erkennen und interpretieren. Die Technologie ist in der Lage, eine Vielzahl von Objekten und Materialien zu identifizieren und auf entsprechende Webseiten zu verweisen.

In einer Versuchsreihe am Institut für Textiltechnik wurde der Einsatz von Google Lens in der Altkleidersortierung getestet. Dabei stand die Auswertung der Genauigkeit von Google Lens zur Erkennung von verschiedenen Merkmalen im Vordergrund. Insgesamt zeigen die Ausführungen in diesem Artikel, dass Google Lens noch keine adäquate Lösung für die automatisierte Auswertung in der Altkleidersortierung darstellt. Die Ausführungen zeigen allerdings auch Potentiale für die Weiterentwicklung der Technologie auf. Auch eine Kombination mit weiterer Sensorik (z. B. NIR) oder eigens entwickelten Algorithmen zur Bildauswertung ist vielversprechend.

Bericht

Abstract:

Die Textilindustrie steht vor enormen ökologischen Herausforderungen, die auf ein lineares Wertschöpfungsmodell zurückzuführen sind. Dieses kennzeichnet sich durch kurze Nutzungsdauern, eine geringe Wiederverwendungsquote und geringes Faser-zu-Faser Recycling der Textilien. So wird ein großer Teil der nicht wiederverwendbaren textilen Reststoffe deponiert oder energetisch verwertet. Die Alttextilien werden von Sortierbetrieben entweder für das Recycling oder für den Weiterverkauf vorbereitet. Hier benötigt es neue Technologien zur Merkmalserkennung von Textilien, um die manuellen Prozessschritte zu ersetzen und zu verbessern. Herausforderungen der bisher händischen Sortierung sind der Arbeitskräftemangel und die unzureichende Objektivität und Qualität der Sortierung. In diesem Artikel werden neue Lösungen zur Automatisierung der Merkmalserkennung ausgewertet.

Herausforderungen in der Altkleidersortierung

Gegenwärtig fallen 7 bis 7,5 Millionen Tonnen textiler Reststoffe in der EU-27 und der Schweiz jährlich an - dies entspricht mehr als 15 Kilogramm pro Person [HJL+22]. Die größte Quelle dafür sind entsorgte Kleidungsstücke und Heimtextilien von Verbrauchern - sie machen etwa 85 Prozent der gesamten textilen Reststoffe aus. Diese großen Mengen an textilen Reststoffen müssen sortiert und verarbeitet werden. Aktuell wird die von Verbrauchern aussortierte Kleidung in Altkleidercontainern entsorgt. Von dort aus werden sie in Sortierbetriebe transportiert, in denen jedes Kleidungsstück inspiziert und händisch in verschiedene Kategorien sortiert wird. Es wird beispielsweise zwischen Qualität oder Art des Materials unterschieden. Diese Schritte gilt es zu automatisieren, um die Anzahl der Fehlsortierungen zu reduzieren und die Limitationen der manuellen Sortierung zu überwinden. Die manuelle Sortierung von Altkleidern ist durch den Arbeitskräftemangel und die unzureichende Qualität stark limitiert. Es gibt erste Ansätze, um die Herausforderungen zur Merkmalserkennung der Textilien zu lösen. Durch Nahinfrarotspektroskopie kann beispielsweise das Material des Textils erkannt und identifiziert werden. Allerdings können mit der Technologie weitere wichtige Merkmale wie die Art des Kleidungsstücks, die Marke und der Zustand nicht analysiert werden. Für die Auswertung dieser Merkmale können allerdings Bildverarbeitungssysteme verwendet werden. Einen Ansatz für die Auswertung von Bildmerkmalen bietet die Software Google Lens.

Die Funktion von Google Lens

Google Lens ist eine Bilderkennungssoftware von Google, die auf maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz basiert. Mit Hilfe der Kamera eines Smartphones kann Google Lens Bilder von Objekten, Texten oder Landschaften erfassen, diese erkennen und interpretieren. Die Technologie ist in der Lage, eine Vielzahl von Objekten und Materialien zu identifizieren und auf entsprechende Webseiten zu verweisen. Die Suchergebnisse werden nach Relevanz und Ähnlichkeit mit dem Objekt auf dem Foto klassifiziert. [Taf21] Darüber hinaus kann Google Lens auch QR-Codes scannen und automatisch Webseiten öffnen, Adressen suchen und Termine in den Kalender eintragen. Die Software ist auch in der Lage, Texte in anderen Sprachen zu erkennen und zu übersetzen, was besonders nützlich für Reisende ist. Insgesamt bietet Google Lens eine schnelle und effektive Möglichkeit, visuelle Informationen zu interpretieren und zu nutzen, um den Benutzern eine bessere Erfahrung zu bieten. Diese Eigenschaften machen einen Einsatz von Google Lens in der Altkleidersortierung interessant. Die Software ist bereits mit einer großen Menge von Daten trainiert und ermöglicht einen gezielten Zugriff auf sämtliche im Internet vorhandene Informationen zu einem Kleidungsstück.

Google Lens für die Sortierung von Altkleidern

In einer Versuchsreihe am Institut für Textiltechnik wurde der Einsatz von Google Lens in der Altkleidersortierung getestet. Dabei stand die Auswertung der Genauigkeit von Google Lens zur Erkennung von verschiedenen Merkmalen im Vordergrund. In dem Versuch wurde die Informationsgewinnung durch den Einsatz von Google Lens in den folgenden sechs Merkmalen geprüft:

  • Typ des Textils bzw. Art der Bekleidung
  • Farbe
  • Material
  • Marke
  • Preisklasse
  • Geschlecht

Die Versuchsdurchführung ist in die folgenden drei Schritte aufgeteilt: Aufnahme von Bildern, Auswertung der Bilder mit Google Lens und Auswertung der fünf relevantesten Suchergebnisse hinsichtlich der sechs Merkmale. Die Aufnahme der Bilder erfolgt in einem statischen Versuchsaufbau. Die Textilien werden auf einem ebenen Untergrund ausgebreitet und von oben unter Beleuchtung fotografiert (siehe Abbildung 1). Für die Auswertung des Versuches werden die sechs Merkmale in definierte Ausprägungen eingeteilt (z. B. werden sechs Preisklassen definiert). Die Auswertung erfolgt anhand der ersten fünf von Google vorgeschlagenen Ergebnisse. Für die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erfolgt eine Einteilung in ein Punktesystem: pro Textil wird je ein Punkt pro Merkmal und Treffer vergeben, wenn dieses Merkmal richtig erkannt wird, sodass pro Textil und Treffer maximal 6 Punkte zu vergeben sind. Ein Merkmal gilt als richtig erkannt, wenn die Information eindeutig aus dem Text auf der weitergeleiteten Webseite hervorgeht. Insgesamt werden 90 Textilien ausgewertet. Die Trefferquote wird als Quotient aus der erreichten Punktzahl und der maximal erreichbaren Punktzahl angegeben.

Zunächst erfolgt eine Auswertung des Einflusses des Alters eines Textils auf die Treffergenauigkeit: neuere Textilien erreichen eine Treffergenauigkeit von 32,96 %, wohingegen ältere Textilien (älter als 30 Jahre) eine Treffergenauigkeit von lediglich 22,58 % erreichen. Dieser Umstand ist auf die höhere Verfügbarkeit von Daten neuer Textilien zurückzuführen. Auch bei der Art der Textilien zeigen sich Unterschiede in der Auswertung: Heimtextilien weisen lediglich eine Trefferquote von 15,00 % auf, wohingegen Textilien in der Kategorie „Bluse/Hemd“ eine Trefferquote von 45,33 % aufweisen. Am besten wird die Art der Bekleidung erkannt (56,22 % Trefferquote), wohingegen die Marke nur zu 4,67 % erkannt wird. Dieser Umstand ist sowohl auf die große Ähnlichkeit verschiedener Marken als auch auf die teilweise nur geringe direkte Erkennbarkeit von Markennamen oder Logos zurückzuführen. Auch das Material wird nur zu ca. 13,11 % richtig erkannt, da dieses Merkmal nicht direkt visuell zu erkennen ist. Zuletzt bietet auch die Betrachtung der Unterschiede in Abhängigkeit der Relevanz der Treffer kein eindeutiges Ergebnis: beim ersten und relevantesten Treffer liegt die durchschnittliche Trefferquote bei 29,66 % und beim zweiten bis fünften Treffer ebenfalls zwischen 25,19 % und 32,09 %. Anzumerken ist allerdings, dass die Ergebnisse insgesamt nicht ausreichend sind. Für einen sinnvollen Einsatz der Technologie sind Trefferquoten von ca. 90-95 % erforderlich. So lässt sich insgesamt feststellen, dass Google Lens mit dem gewählten Versuchsaufbau und der gewählten Auswertelogik nicht für den Einsatz in der Altkleidersortierung geeignet ist.

 

Weiterentwicklung der Technologie

Eine Lösungsmöglichkeit zur Weiterentwicklung der Technologie liegt in der erweiterten Auswertung von Informationen. Zum Beispiel können zusätzlich auch Bilder auf der Webseite (z. B. Fotos von Etiketten) oder der Seitenquelltext ausgewertet werden. Außerdem ist die Einteilung der Merkmalskategorien kritisch zu prüfen, da diese einen erheblichen Einfluss auf die Auswertung hat. Weiterhin sind Änderungen am Versuchsaufbau denkbar: eine Lösung könnte z. B. in der Aufhängung von Textilien bestehen oder in der Änderung der Beleuchtung. Außerdem kann die Suche in Google Lens mit Texten verknüpft werden, sodass eine Suche näher eingegrenzt und mit zusätzlichen Sensoren verknüpft werden könnte. Diese Lösungsmöglichkeiten werden in weiteren Projekten und Versuchen am ITA weiterentwickelt.

Insgesamt zeigen die Ausführungen in diesem Artikel, dass Google Lens noch keine adäquate Lösung für die automatisierte Auswertung in der Altkleidersortierung darstellt. Die Ausführungen zeigen allerdings auch Potentiale für die Weiterentwicklung der Technologie auf. Auch eine Kombination mit weiterer Sensorik (z. B. NIR) oder eigens entwickelten Algorithmen zur Bildauswertung ist vielversprechend.

Bildunterschriften:

Abbildung 1: Aufbau des Versuches (eigene Darstellung)

Literatur:

[HJL+22]                       Hedrich, Saskia; Janmark, Jonatan; Langguth, Nikolai; Magnus, Karl-Hendrik; Strand, Moa:
Scaling textile recycling in Europe - turning textile waste into value: Juli 2022

[Taf21]                           Taffel, S.:
Google’s lens: computational photography and platform capitalism
Media, Culture & Society Band:43 (2021) H. 2, S. 237–25
5

AutorInnen: Pohlmeyer, Florian* Johannsen, Hanna* Möbitz, Christian* Gries, Thomas* Kleinert, Tobias

*alle: Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen University, Otto-Blumenthal-Str. 1, 52074 Aachen

Kleinert, Tobias (Lehrstuhl für Informations- und Automatisierungssysteme für die Prozess- und Werkstofftechnik der RWTH Aachen University, Turmstr. 46, 52064 Aachen)

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18.10.2022

In-situ-Strukturüberwachung von Faserkunststoffverbunden unter Druckbeanspruchung

Garne Composites Sensorik Nachhaltigkeit Technische Textilien Tests

Zusammenfassung

Die kontinuierliche Strukturüberwachung von FKV-Bauteilen vor allem in komplexen, wechselnden Belastungsszenarien stellt einen effizienten Lösungsansatz dar, um frühzeitig potenziell auftretende Ermüdungserscheinungen oder Schäden zu detektieren. Gerade in FKV-Bauteilen sind textilbasierte Sensoren eine wirtschaftliche Lösung zur kontinuierlichen In-situ-Strukturüberwachung, aufgrund ihrer direkten textiltechnischen Integration während der Flächenbildung und hohen Strukturkompatibilität.    

Das in diesem Forschungsprojekt entwickelte textilbasierte Sensorkonzept wurde auf der Garn- und Verbundebene elektromechanisch charakterisiert und wurde im Multiaxialkettenwirken zu funktionalisierten Gelegen und fortführend in etablierten Verbundbildungstechnologien zu CFK-Proben weiterverarbeitet sowie umfangreich in Zug-, Druck- und Biegeversuchen charakterisiert. Anhand eines CFK-Profil Demonstrators wurde die praktische Umsetzbarkeit und Funktionsfähigkeit erprobt und bewiesen. Diese „Smart-Composites“ ermöglichen nicht nur eine kontinuierliche In-situ-Strukturüberwachung von FKV-Bauteilen unter Zug-, Biege- und vor allem Druckbeanspruchung, sondern können auch für die Detektion von Riss- und Delaminationsvorgängen eingesetzt werden. Dadurch können sowohl das Verständnis des Materialverhaltens verbessert und für zukünftige Auslegungen berücksichtigt als auch erforderliche Maßnahmen zur Gewährleistung der Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems eingeleitet werden.

Bericht

Einleitung

Faserverstärkte Verbundstrukturen (Composites) werden gegenwärtig u. a. in den Bereichen des Maschinen-, Flugzeug- und Automobilbaus aufgrund der ausgezeichneten mechanischen Eigenschaften bei gleichzeitig höchstem Leichtbaupotenzial eingesetzt [1]. Auch im Bausektor finden Hochleistungstextilien, substituierend zur Stahlbewehrung, zunehmend Anwendung im Carbonbeton [2], aufgrund ihrer mechanischen sowie chemischen Eigenschaften und der daraus resultierenden ressourcenschonenden, filigranen Leichtbauweise. Die langzeitstabile Funktionsfähigkeit und Sicherheit von faserverstärkten Verbundstrukturen ist durch den häufigen Einsatz in sicherheitskritischen Komponenten und Strukturen dringend erforderlich. Ein vielversprechender praxisorientierter Lösungsansatz stellt hierbei die kontinuierliche Strukturüberwachung dar, um die (Rest-)Tragfähigkeit zu quantifizieren und um ggf. erforderliche Maßnahmen zur Gewährleistung der Funktionsfähigkeit einzuleiten.  
Eine besonders wirtschaftliche und strukturkompatible Lösung sind textilbasierte Sensoren, die während der Herstellung der textilen Verstärkungshalbzeuge integriert und zur Erfassung komplexer Lastfälle sowie Riss- und Delaminationsvorgänge auf Verbundebene eingesetzt werden. [3 – 6]

Textilbasierte Dehnungssensoren werden prinzipbedingt vorwiegend zur Überwachung in zugbeanspruchten Verbundstrukturen eingesetzt. Um zuverlässige Aussagen über strukturelle Veränderungen und kritische Überlastzustände auch in komplex überlagerten Beanspruchungsszenarien (bspw. Zug- und Druckbeanspruchungen) ableiten zu können, wurden im IGF-Projekt 21169 BR textilbasierte druckmessfähige Sensorsysteme zur kontinuierlichen In-situ-Strukturüberwachung für FKV entwickelt.

Zielsetzung und Lösungsweg

Das Ziel des IGF-Forschungsprojekts war die Entwicklung, Charakterisierung und Erprobung textilbasierter druckmessfähiger Sensorsysteme und deren textiltechnische Integration im Multiaxialkettenwirken zur Herstellung sensorisch-funktionalisierter textiler Verstärkungshalbzeuge für den Einsatz in FKV. Das Anforderungsprofil an die textilen Sensoren wurde anhand eines Funktionsdemonstrators simulationsgestützt abgeleitet und gezielt darauf ausgelegt strukturelle Deformationen durch einwirkende Zug-, Biege- und vor allem Druckbeanspruchungen zu erfassen. Hierfür wurde der Ansatz verfolgt, die Drucksensitivität von textilen Sensoren durch die gezielte Einstellung und Aufrechterhaltung einer Vorspannung bzw. -dehnung zu erhöhen. Das Sensorverhalten wurde umfangreich in elektromechanischen Untersuchungen auf Faser- und Verbundebene analysiert und am Funktionsdemonstrator erprobt.

Danksagung

Das IGF-Vorhaben 21169 BR der Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstr. 12-14, 10117 Berlin wurde über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung und -entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

AutorInnen: Le Xuan, Hung; Seidel, André; Hahn, Lars; Nocke, Andreas; Cherif, Chokri

Technische Universität Dresden
Fakultät Maschinenwesen
Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM)
01062 Dresden

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